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«Das Leben liebt dich!»

  • vor 18 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
Live loves you

Es war an einer Strategie-Retraite. Es ging um die Besinnung auf Fragen, die sonst immer zu kurz kommen. Wie sollte sich die Kirchgemeinde am besten weiterentwickeln? Einige sassen im Fishbowl, also im inneren Kreis, auf den «heissen» Stühlen. Sie sollten sich äussern. Die anderen sassen im äusseren Kreis, darum herum, und hörten zu. Da geschah es!

Da meinte jemand, die christliche Botschaft müsse klarer verkündet werden. Darauf forderte der Moderator heraus: «Sag sie doch mal in einem kurzen Satz diese Botschaft!» Allgemeines Schweigen. Dann konnte man es fast hören: Das innere Rattern. Ein Gefühl der Überforderung auch. Hitzewallungen fast. Rote Köpfe hier und da. Ein erster Versuch liess sich hören. Und dann auf einmal: «S Läbe liebt di!» Das sass erstmal.


Wieso das Leben? Das kann doch auch hart sein!

Verschiedene übernahmen diesen Satz. Sprachen ihn selbst noch einmal aus. Wie versuchsweise. Aber auch Widerspruch kam auf: Das Leben sei doch für viele hart und nicht liebevoll!? Auch wahr! Aber es sind zwei verschiedene Fragen, die hier zusammengeraten. Beide berechtigt, aber zu unterscheiden. Wie auch immer wir Gott nennen, die Frage, ob er gerecht und gut zu uns ist, die Frage bleibt bestehen. Hier soll es um die zweite Frage gehen: Ist Leben ein geeigneter Name für Gott? Darf man Gott mit dem Leben gleichsetzen? Darf man ihn als Leben ansprechen?


«Gott» – falsche und negative Vorstellungen

Ausgangslage ist die Erfahrung, dass heute nicht nur die Bezeichnung und Anrede Gottes als „Herr“ bei vielen Menschen negative Vorstellungen hervorruft. Auch der Ausdruck „Gott“ scheint nicht mehr verständlich und hilfreich zu sein. Über einige Jahre habe ich im Konfirmandenunterricht die Jugendlichen gefragt, was sie mit „Gott“ verbinden? Was sie sich darunter vorstellen? „Einen Menschen.“ „Einen alten, weissen Mann mit Bart.“ „Ein Gespenst.“ In diese Richtung gingen die Antworten. Allen gemeinsam: Die Vorstellung, „Gott“ bezeichne ein (weiteres) Einzelwesen. Einfach ein unsichtbares und mächtigeres als irgendein ein anderes, als ein gewöhnlicher Mensch zum Beispiel. Glaube an „Gott“ bedeute so, sich einem anderen, bloss mächtigeren Einzelwesen zu unterstellen. Und dies in einer Zeit, in der die meisten Menschen sich davor fürchten und es hassen, sich auf irgendeine Art und Weise unterzuordnen, ihre Freiheit abzutreten, sich fremd bestimmen zu lassen! So muss diese Vorstellung von Gott zu negativen Gefühlen und Abwehr führen.


Das Leben – maximal attraktiv

Von daher also die Herausforderung und Frage: Wie könnte es gelingen, mit „Gott“ etwas Positives zu verbinden? Etwas Attraktives. Ja das Begehrenswerteste überhaupt! Ich stelle mir vor, dass sich Menschen zu allen Zeiten unter „Gott“ etwas enorm Bereicherndes vorgestellt haben. Zumindest diejenigen, die an ihn geglaubt haben. Zumindest im besten Fall. Ich meine, dies kommt im Schluss des Unser Vater zum Ausdruck. Er gibt wie den Grund für das Gebet und das Vertrauen auf Gott an. Eine Antwort auf die Frage: „Wieso wende ich mich überhaupt an dich, Gott?“ Deswegen: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!“ (Matthäus-Evangelium, Kap. 6,13b) Also weil hier das zu finden ist, was ich mir am meisten wünsche! Das Nonplusultra! Und das auch noch durch alle Zeiten hindurch. Maximal attraktiv und vertrauenswürdig für jegliche Investition in die (eigene) Zukunft. Welches Wort, welches Bild, welche Metapher, welcher Name für Gott könnte diese Attraktivität heute zum Ausdruck bringen?


Gott wie schon die Wirklichkeit – nicht zu fassen!

Ganz an einem anderen Ende meiner Beobachtungen festigte sich über einige Jahre hinweg der Eindruck: Das, was wir Wirklichkeit nennen, können wir Menschen nie ganz fassen. Es ist zu gross, zu vielfältig, zu komplex. Jeder und jede entwickelt so im Laufe des Lebens eine von vielen Prägungen und Erfahrungen bestimmte und zugleich beschränkte Weltsicht. Wir erfassen offenbar nur einen kleinen Ausschnitt einer Wirklichkeit, die viel grösser, tiefer, weiter, feiner, komplexer ist, als wir jemals in uns aufnehmen und zusammenbringen können. Wieviel wir auch Wissen sammeln, das Ganze des Lebens, seines Gewebes, ja allein schon die komplexen Bedingungen, die das Wetter bestimmen, und ganz zu schweigen von den Beweggründen eines einzelnen Menschen: Die Ganzheit der Zusammenhänge und des Zusammenspiels wird für uns immer voller Überraschungen und Geheimnisse bleiben. Welche Ähnlichkeit mit Gott? Weder das Ganze der Wirklichkeit und des Lebens, noch das, was wir „Gott“ nennen, lässt sich von uns Menschen in den Griff bekommen. Beide bleiben für uns letztlich unfassbar und unverfügbar.


Das «Grosse Leben» – versuchsweise

Diese beiden Erfahrungen also: Dass die Bezeichnung «Gott» bei vielen heute den negativen Eindruck eines herrschsüchtigen Einzelwesens hervorruft. Und: Dass das Ganze des Lebens für uns so wenig fassbar ist wie die Vorstellung von dem, was wir als Gott bezeichnen. Aus diesen Erfahrungen ergab sich der Gedanke, Gott – versuchsweise – als das Leben zu benennen und anzusprechen. Als das «Grosse Leben», von dem wir unser «Kleines Leben» haben. Aus diesen Erfahrungen heraus. Vom theologischen Verständnis Gottes her als Schöpfer des Lebens. Und aufgrund der Worte von Jesus: «Ich bin … das Leben (Johannes-Evangelium 14,6). Gott ist das «Leben» oder das «Grosse Leben»: Maximal begehrenswert! Gerade auch in unserer Zeit. Wer sehnt sich nicht nach dem vollen prallen Leben? Wer wäre nicht bereit, sich dem Leben unterzuordnen und hinzugeben? Und warum das? Weil wir wohl zeitlebens auf der Suche nach ihm bleiben. Weil wir – bei allen Bemühungen – am Leben kaum satt genug werden. Weil es hier gern «etwas mehr sein darf»! Immer. Und gerade angesichts des schlechten Wechselkurses zwischen Arbeit, Geld und Leben in unserem ökonomisch bestimmten Dasein. Aber auch deswegen: Weil das «Leben» keinen Verdacht in uns weckt, ein anderes Wesen wolle mir mein Leben nehmen, mich ausnutzen und beherrschen.


Und das Leben sprach: …

Vielleicht machen Sie selbst einmal den Test: Bei biblischen Texten, die Ihnen hart oder streng vorkommen. Bei den 10 Geboten oder in der Bergpredigt zum Beispiel. Setzen Sie einmal davor: „Und das Leben sprach“. Spüren Sie den Unterschied? Verschwindet jetzt nicht ein innerer Widerstand, der sonst in einem aufkommt, wenn uns jemand in unsere Lebensführung hineinreden möchte? Aber ist das jetzt ein Trick? Oder warum geschieht das? Weil wir uns heute – zurecht – von niemanden hineinreden lassen wollen in unser Leben. Aber vom Leben selbst – dessen Fülle uns kaum intensiv genug sein kann, vom Leben selbst schon. Das Leben nämlich, das liebt uns alle!


Was denken Sie darüber? Haben Sie Einwände? Probieren Sie es mal aus! Welche Erfahrungen machen Sie dabei? Das wäre sehr interessant zu hören. Melden Sie sich!

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